Das AFG steht vor einer richtungsweisenden Entscheidung. Der 1975 fertiggestellte Altbau ist in die Jahre gekommen, die Betriebsgenehmigung läuft perspektivisch aus, und die baulichen wie pädagogischen Anforderungen an ein modernes Gymnasium haben sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten grundlegend verändert. Die zentrale Frage lautet daher: Generalsanierung mit notwendigem Anbau und mehrjährigem Containerdorf – oder ein vollständiger Neubau in Modulbauweise?
In einem vom Schulträger initiierten Workshop hat sich die gesamte Schulgemeinschaft intensiv mit dieser Frage auseinandergesetzt. Beteiligt waren Schulleitung, erweiterte Schulleitung, Lehrkräfterat, Gleichstellungsbeauftragte, Schulpflegschaftsvorstand sowie das Präsidium der Schülervertretung. Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Das Votum spricht sich klar für einen Neubau aus. Dieses Votum ist kein Schnellschuss und kein politisches Manöver, sondern das Resultat einer mehrstündigen, sachorientierten Auseinandersetzung mit pädagogischen, organisatorischen und finanziellen Aspekten.
Zwar wird im Raum eine Sanierungsdauer von etwa einem Jahr genannt, doch Erfahrungswerte aus vergleichbaren Bauprojekten lassen erhebliche Zweifel an dieser Annahme aufkommen. Gerade bei komplexen Bestandsbauten aus den 1970er Jahren sind unvorhersehbare bauliche Risiken, Verzögerungen und Kostensteigerungen eher die Regel als die Ausnahme. Realistisch erscheint eine Bauzeit von mehreren Jahren – mit Unterricht im Containerdorf, ohne vollwertige Fachräume und mit erheblichen Einschränkungen des Schullebens. Für eine Grund- oder Hauptschule mag ein solches Provisorium unter Umständen handhabbar sein. Für ein Gymnasium mit zentralen Prüfungen, naturwissenschaftlichen Fachräumen, musischen Angeboten und vielfältigen Bildungsabschlüssen jedoch bedeutet es einen massiven Qualitätsverlust.
Das Anne-Frank-Gymnasium versteht sich als moderner Lern- und Lebensraum mit klaren Profilen in den Bereichen MINT, Demokratiebildung, europäische Austauschprogramme und digitale Bildung. Diese Konzepte sind nicht abstrakt, sondern räumlich gedacht. Sie brauchen funktionierende Fachräume, flexible Lernlandschaften und Orte der Begegnung. Ein mehrjähriger Ausnahmezustand in Containern würde nicht nur organisatorische Belastungen mit sich bringen, sondern die pädagogische Arbeit strukturell einschränken. Schule ist mehr als die Summe einzelner Unterrichtsstunden – sie lebt von Gemeinschaft, Identifikation und Kontinuität.
Auch die Kostenfrage wird innerhalb der Schulgemeinschaft kritisch betrachtet. Eine Generalsanierung umfasst nicht nur die Ertüchtigung des Bestandsgebäudes, sondern auch einen notwendigen Anbau sowie die Einrichtung eines Containerdorfs für die Bauzeit. Hinzu kommen unkalkulierbare Risiken im Bestand, mögliche Bauzeitverlängerungen und Preissteigerungen. Unter diesen Bedingungen relativiert sich der vermeintliche Kostenvorteil einer Sanierung deutlich. In vielen Kommunen Nordrhein-Westfalens zeigt sich aktuell, dass bei umfangreichen Sanierungsbedarfen ein Neubau wirtschaftlich planbarer und langfristig tragfähiger ist.
Die Entscheidung für einen Neubau ist daher aus Sicht der Schule keine Frage des Komforts, sondern eine Frage der Verantwortung. Wer pädagogische Qualität sichern will, muss verlässliche Rahmenbedingungen schaffen. Ein Neubau bietet planbare Bauzeiten, moderne Fachräume, energetische Effizienz und flexible Raumkonzepte für die kommenden Jahrzehnte. Vor allem aber verhindert er eine mehrjährige Phase des Provisoriums, die Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Eltern gleichermaßen viel abverlangen würde.
Die politische Entscheidung steht noch aus. Für die Schulgemeinschaft des Anne-Frank-Gymnasiums ist die Haltung jedoch klar: Zukunftsfähige Bildung braucht zukunftsfähige Räume. Ein Neubau ist keine Luxuslösung, sondern eine Investition in Qualität, Stabilität und Verlässlichkeit – und damit in die Bildungsbiografien kommender Generationen in Werne.


von Marcel Damberg